Spektakuläre Versorgungslücken - drei einfache Lösungsansätze:
1.) Die "Entehrenamtlichung" der Behandlung von Überlebenden und Hinterbliebenen.
Bislang erklärt sich der Staat für die Versorgung und Wiedereingliederung der Täter zuständig. Dafür gibt er Steuergelder aus. Das Land Nordrhein-Westfalen beschäftigte beispielsweise im Jahre 2006 17.919 Justizvollzugsmitarbeiter und gab 2,11 Milliarden Euro für seine Justiz aus.
Die Betreuung der von schwersten Verbrechen Betroffenen wird hingegen komplett ans Ehrenamt abgegeben. Die Folgen sind schwerwiegend - einerseits in der dadurch hervorgerufenen Not und andererseits, da wir laut Bundesstaatsanwaltschaft jederzeit damit rechnen müssen, dass Terroristen auch in Deutschland tätig werden. Sollte dies passieren, hätten wir die Strukturen nicht, um die betroffenen Familien eines solchen Anschlages versorgen zu können.
Auf der einen Seite sind diejenigen, die durch willkürlich ausgeübte Gewalt zu Patienten werden und professioneller Hilfe bedürfen. Auf der anderen Seite stehen helfen wollende aber völlig überforderte Ehrenamtliche, die von ihren Vereinen in Blutlachen gestellt werden und nicht selten Sekundärtraumata erleiden. Unter "Opferschutzvereinen" gibt es regelrechte Trophäenjagden - besonders wichtig ist es, die spektakulärsten "Fälle" abzugreifen um damit die eigene Existenz als Mittler zwischen "Opfer" und "Hilfe" zu rechtfertigen.
Lesen Sie als Beispiel >>> diesen Bericht. Solch schwer betroffenen Familien werden in Deutschland zur Zeit ausschliesslich ehrenamtlich betreut. Es existiert keine nachhaltige, professionelle Betreuung und keine Assistenz.
Deutschland kann einen Terrorangriff auf heimischem Boden nicht dauerhaft verhindern. Aber es kann und muss heute die Strukturen schaffen, in denen die verursachten Schäden beherrschbar bleiben. Nach Terror und Gewalt ist nicht mehr das Ehrenamt, sondern sind Fachkräfte gefordert.
2.) Schaffung der benötigten Ressourcen um die Betroffenen schwerster Verbrechen zu versorgen.
Derzeit dauert z.B. die Aufnahme in eine psychotraumatologische Klinik im Schnitt 8 bis 12 Monate. Die derzeitigen Ressourcen sind so dünn, dass unser Land die Folgen eines Terroranschlages weder theoretisch noch praktisch bewältigen könnte. Weniger als 20 % der benötigten Therapeuten, Versorgungsamtsmitarbeiter und Kliniken stehen derzeit zur Verfügung.
Vorweg: In mehreren Ministerien wurden die Notfallpläne für "Großschadenslagen" nicht wie vom Innenministerium vorgegeben erstellt - aus Mangel an Personal. Deutschland ist derzeit auf die Opfer eines inländischen Terroranschlags nicht vorbereitet und kann die Versorgung der Gewalt- und Terroropfer schon in Friedenszeiten nicht mehr ausreichend sicherstellen:
"Wir haben aufgrund unserer begrenzten Plätze leider Wartezeiten auf unserer traumaspezifischen Psychotherapiestation. Das ist ein Versorgungsengpass, den wir nicht innerhalb der Institution lösen können", so die Leiterin der Psychotraumatologie der Helios Klinik in Bremen, Dipl. Psych. Schüepp. Die Wartezeit auf Behandlung in dieser führenden Versorgungseinrichtung für schwer traumatisierte Verbrechensopfer in Norddeutschland beträgt mindestens acht Monate; eine ähnliche Einrichtung für traumatisierte Überlebende in Westdeutschland, in Bielefeld, rund zwölf Monate.
3.) Ernsthafte Versorgung der Familien und Lösung des KAKH-Syndroms.
Die Versorgung der betroffenen Familien ist nicht nur schlecht, sondern findet überwiegend überhaupt nicht statt, ein Skandal von dem niemand ahnt - weil die Betroffenen schweigen:
Im Jahre 2007 wurden laut Statistik 6.284.661 Straftaten durch die Polizei aufgenommen, darunter 217.923 Gewalttaten. Rund 10 % der von Gewalt Betroffenen stellten einen Antrag auf Anerkennung nach dem Opferentschädigungsgesetz (23.404). Und von diesen Anträgen wurden bundesweit nur 8.484 anerkannt (Quelle: Weisser Ring e.V.). Was mit den unversorgt gebliebenen 90 % derjenigen passiert, die einer Gewalttat zum Opfer gefallen sind? Diese Fälle können derzeit nicht erfasst werden, da sich Überlebende und Hinterbliebene per Antrag um Hilfe bemühen müssen:
Das Syndrom ist hinter vorgehaltener Hand als KAKH (Kein Antrag, keine Hilfe) bekannt und sorgt in Deutschland für spektakuläre Versorgungsnotlagen der Patienten. Die Mutter eines getöteten Kindes war nach einem langen Krankenhausaufenthalt schliesslich gezwungen, Nahrungsmittel zu essen die sie zwei Jahre vorher eingefroren hatte, da ihre finanziellen Ressourcen erschöpft waren. Der Familie einer Tochter, die bei einem Raubüberfall ermordet wurde, wurde für Rechtsanwalt und Grablegung insgesamt mehr als zwanzigtausend Euro berechnet. Die Eltern bezahlen bis heute einen Kredit ab. Sie durften diese Ausgaben auch nicht als besondere Belastung von der Steuer absetzen. Dies beschloss das Finanzamt Göttingen am Ende eines monatelangen Antragsverfahrens.
Kapitalverbrechen, Verbrechen, Mord, Totschlag, Mordversuch, Attentat, Terroranschlag, versuchter Mord, OEG, Opferentschädigungsgesetz, Mordopfer, Djerba, WTC, Terror, 11. September, 9-11, Mordanschlag, Michelle, Levke, Felix, Opfer, Kindermörder, Gewaltverbrechen, Kapitalverbrechen, Opferentschädigungsgesetz, OEG, Mord, Terroranschlag
