Guten Tag.
Das sind aber viele Menschen hier. Nun habe ich eigentlich gedacht ich rede frei. Jetzt habe ich so viel Lampenfieber, dass ich froh bin, mir ein Manuskript geschrieben zu haben. Ich hoffe Sie ertragen meine Aufgeregtheit mit mir.
Die Deutsche Allianz Kapitalverbrechen ist ein Zusammenschluss aus Überlebenden und Hinterbliebenen von Straftaten gegen das Leben, sowie Dachorganisation von Vereinen und Stiftungen, die sich dieser Thematik widmen. Ich selber habe einen Mordanschlag mit zwei Waffen knapp überlebt und lag ein halbes Jahr im Krankenhaus. Wenn Sie also wissen wollen, wie es hinter der Fassade eines schweren Verbrechens ausschaut, dann fragen Sie mich.
In der Deutschen Allianz Kapitalverbrechen (DACH) sind zur Zeit folgende Organisationen zusammengeschlossen:
Alexandra-Sophia Stiftung e.V., Filderstadt
Deutsche Allianz Kapitalverbrechen e.V., Berlin
Deutscher Opferschutzbund Djerba e.V., Bergkamen
Friedenspädagogisches Institut Berlin, Berlin
Hannah-Stiftung gegen sexuelle Gewalt, Königswinter
Jan-Erik und Julius gUG (haftungsbeschränkt), Berlin
Leben ohne Dich e.V., Mülheim an der Ruhr,
dessen Vorstandsmitglied Dr. Bodo Fritsche mich heute begleitet.
Dies gesagt, reduzieren Sie uns bitte nicht auf unsere Opferrolle. Das ist unser Hauptproblem: Vor einer Gewalttat sind Sie Rechtsanwalt oder Schreiner oder Lehrer oder Arzt. Danach sind Sie nur noch Opfer - auf das oftmals sehr unbedarft zugegangen wird. Ärzte / Sachbearbeiter / Ehrenamtliche sprechen einen oft mit Sätzen an wie "Haben Sie das verstanden?". Insgeheim denkt man sich dann schon mal „Halten die mich wirklich für so blöd?!“ Auch sind wir keine "Randgruppen" oder besonders unintelligente Menschen. Wir sind auch nicht "der arme Herr Simon" oder "der arme Herr Fritsche". Professor Buback ist durch den gewaltsamen Tod seines Vaters nicht dümmer geworden. Der hier anwesende Dr. Fritsche ist nicht dümmer geworden. Ich bin auch nicht dümmer geworden.
Zuerst an die wichtigsten Menschen in diesem Raum, an unsere Helfer: Unsere Sachbearbeiter. Unser Land hat Ihnen die Instrumente in die Hand gegeben, um uns schnell zu helfen. Schöpfen Sie den Rahmen aus. Sie sind nicht zum Geizen angehalten, sondern vor allem zur Fürsorge. Sie sollen unser Leid lindern und mildern. Und nicht knausern und zögern. Zu jedem Bedarf verfügen Sie über passende Leistungen. Wir sind auf Ihre Hilfe angewiesen. Lassen Sie uns nicht warten. Kümmern Sie sich!
1. Eine vorläufige Anerkennung gibt dem OEG-Fall eine definierte Richtung - auch ohne Leistung. Ein vorläufig anerkannter OEG Fall weist bereits darauf hin, dass es sich hier nicht um eine Kneipenschlägerei handelt, sondern um einen ernst zu nehmenden Fall. Denken Sie nicht „Da ist doch gar keine Leistung mit verbunden, deshalb ist das nicht so wichtig“: Die vorläufige Anerkennung ist deshalb wichtig, weil sie den Überlebenden und Hinterbliebenen von Verbrechen einen Status, eine Würdigung des erduldeten Leides gibt. Man hält ein Papier in der Hand das einem verspricht, dass es weiter geht. Dass einem geholfen wird. Das Unfassbare wird anerkannt. Es gibt keinen Grund, Familien wie die Familie der neunjährigen Kassandra nicht sofort vorläufig nach dem OEG anzuerkennen.
2. Stil ist für Betroffene wichtiger als Inhalt. Schauen Sie sich die Schreiben an, die Sie schreiben - viele sind fordernd, die meisten beklemmend. Enden Sie bitte unbedingt auf einer guten Note. Seien Sie freundlich. Bieten Sie das persönliche Gespräch an. Geben Sie noch einmal Ihre Durchwahl an. Überlegen Sie, ob Sie von Eltern getöteter Kinder Sterbeurkunden anfordern müssen. Sie wissen wo die Familie wohnt. Reden Sie mit Ihren Kollegen dort. Den Hinweis auf die Mitwirkungspflicht vergessen Sie bitte. Es gibt Grenzen dieser Mitwirkung: § 65 (2) SGB I. Verletzen Sie diese bitte nicht, denn Sie treffen diejenigen ganz empfindlich, die Sie schützen sollen und sicher auch schützen wollen.
Warum Stil? Nehmen Sie Frau Müller, die einen kleinen Lebensmittelladen hat. Sie kommt abends mit ihrem (noch nicht geheirateten) Mann nach Hause. Sie öffnet die Türe, da fallen Schüsse aus einer Hecke. Ihr tödlich getroffener Mann wirft sich auf sie. Trotzdem wird sie von vier Kugeln getroffen. Die Türe geht auf. Albert, der knapp drei Jahre alte Sohn steht da und ruft: „Opa! Papa Mama hingefallen! Alles nass!“ In der Folge schaltet sich die Berufsgenossenschaft ein.
Auszug aus einem typischen Schreiben der BGHW an die trauernde Frau:
„Es trifft zu, dass der getötete Vater von Albert zum Zeitpunkt der Tat dem Grunde nach gemäß § 8 Abs. 2 Nr. 2 und 3 SGB VII unter Versicherungsschutz gestanden haben könnte. Im Recht der gesetzlichen Unfallversicherung gilt jedoch die Theorie der wesentlichen Bedingung d.h., der Versicherte muss im wesentlichen einer Gefahr des versicherten Wegs erlegen sein, was hier nicht zutrifft, denn Ihr Lebensgefährte ist offensichtlich Opfer eines Racheaktes geworden. Für diese Annahme spricht auch der Umstand, dass es keinerlei Hinweise auf räuberische Absichten bei der Tat gab.“ Damit wurden die Beerdigungskosten abgelehnt.
Dieses Schreiben trifft die Frau wenige Wochen nach dem Verbrechen, als sie sich Sorgen um die Beerdigungskosten macht. Sie können sich die verheerenden Folgen dieses Schreibens vorstellen? Die Frau war - und ist immer noch - am Boden zerstört!
In rascher Folge melden sich bei Frau Müller nun
Kriminalpolizei, Staatsanwaltschaft, Krankenhaus, Versorgungsamt, Sozialamt, Gutachter, Jugendamt, Berufsgenossenschaft, Versicherungen, Rententräger, Integrationsamt und nebenbei muss sie noch einen Laden am Laufen halten... Das ist ein wenig viel für jemand, der in den Rücken geschossen wurde, meinen Sie nicht?
3. Denken Sie daran, dass der Täter im Gefängnis einen Anwalt hat. Dieser Anwalt fährt bei jedem Bescheid oder Erlass ins Gefängnis und eröffnet seinem Mandanten jeden Verwaltungsvorgang in einem freundlichen Gespräch. Mit Kaffee. Und Kippe. Wir hingegen müssen uns selber durch bis zu 50 Anträge verschiedenster Leistungsträger quälen. Alleine.
Beim OEG und dem BVG haben wir es mit 1248 Seiten zu tun. Dazu kommen die Verwaltungsvorschriften, gesetzschreibende Gerichtsurteile, die Ergänzungsgesetzgebung, Empfehlungen der BAR und hier fehlt noch die relevante Gesetzgebung des SGB I, II, VII und X sowie die Rechte, die sich aus dem SGG, der KFürsV und, fast vergessen, dem OASG ableiten. Alles in allem ein Berg Papier. Das ist unsere Rechtsgrundlage aufgrund der wir Anträge stellen sollen. Das ist ein Unding.
Abschliessend: Ermitteln Sie den Bedarf Ihrer Kunden genau!
Ich sage das noch einmal:
Überprüfen Sie den Bedarf Ihrer Kunden! Ganz genau!
Gehen Sie nicht davon aus, dass Ihnen der Bedarf Ihrer Kunden von Ihren Kunden korrekt angezeigt wird. Vor allem bei schwer traumatisierten Menschen werden Sie von Ihrem Klienten das Gefühl vermittelt bekommen: „Och ich brauche nichts. Mir gehts gut“. Das ist Teil der Fassade, die wir sofort aufbauen und die stark scheint aber hauchdünn ist.
Timm wurde im Internat mit einem Hammer in den Kopf geschlagen, so oft und heftig, dass der Hammerstiel abbrach, der Schädel eröffnet wurde und Hirnmasse austrat. Durch Mangel an Bedarfsfeststellung lebt Timm halbseitig gelähmt auf dem Boden ohne Möbel, ist auf 43 Kilogramm abgemagert. Der Arzt schreibt, dass sein Zustand lebensgefährlich ist. Ohne massive externe Intervention wird er in der zunehmend unbewohnbaren Wohnung einfach verhungern.
Von Ihnen gefragt, ob es ihm gut geht oder ob er ganz dringend was braucht wird Timm antworten "Es geht mir gut und ich brauche zur Zeit nicht wirklich was. Danke der Nachfrage".
Letzter Punkt:
Ein paar gute Tipps für den Umgang mit Trauernden.
Dazu gebe ich weiter an Dr. Bodo Fritsche, Vorstandsmitglied des Vereins „Leben ohne Dich“, eine Selbsthilfeorganisation in der sich die Eltern und Geschwister von mehr als 1000 toten Kindern zusammen geschlossen haben und die Teil der Deutschen Allianz Kapitalverbrechen ist.
Ende.
